Ex Libris Mythologie, der heilige Georg und der Drache und Ritter
Es gibt nicht den Drachen, sondern zwei Drachen, die nichts miteinander zu tun haben.
# Der Drache**Eine kultur- und kunsthistorische Symbolstudie**
Vorbemerkung
Der Drache ist das schwierigste Motiv dieser ganzen Reihe, und der Grund lässt sich in einem Satz sagen: **Es gibt nicht den Drachen, es gibt zwei Drachen, die nichts miteinander zu tun haben.**
Der europäische Drache ist ein Feind. Er bewacht, was er nicht braucht, er vergiftet, er frisst Jungfrauen, und die Geschichte ist erst zu Ende, wenn er tot ist. Der ostasiatische Drache ist eine Wohltat. Er bringt Regen, er verkörpert den Kaiser, er steht für Glück und Wandlung, und niemand käme auf den Gedanken, ihn zu töten. Beide heißen im Deutschen Drache, im Englischen dragon, und genau das ist das Problem. Die Gleichnamigkeit suggeriert eine Verwandtschaft, die nicht existiert.
Wer über den Drachen als ein Symbol schreibt, schreibt Unsinn. Man muss die beiden Traditionen getrennt führen und die Übersetzungsfalle offenlegen, sonst wird alles falsch. Das ist die eine methodische Vorentscheidung.
Die zweite: Der europäische Drache ist selbst kein einheitliches Wesen. Er ist über zwei Jahrtausende aus mindestens drei Zutaten zusammengewachsen. Aus der griechischen Riesenschlange, die *drakon* heißt und bewacht. Aus dem biblischen Chaosungeheuer, das besiegt werden muss. Und aus germanischem und keltischem Erzählgut vom hortbewachenden Wurm. Erst das Mittelalter fügt Flügel, Feuer und vier Beine zusammen und macht daraus die vertraute Gestalt. Der geflügelte, feuerspeiende Drache ist jünger, als fast alle annehmen.
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## 1. Ursprung
### Das Wort verrät die Herkunft
Griechisch δράκων (*drákon*) kommt von einer Wurzel für "scharf blicken, starren". Der Drache ist ursprünglich **der, der starrt** — das Tier mit dem lidlosen, unabwendbaren Blick. Nicht der Feuerspeier, nicht der Flieger. Der Wächter, dessen Aufmerksamkeit nie nachlässt.
Damit ist das lateinische *draco* und das deutsche Drache über das Griechische an eine Schlange gebunden, nicht an ein Reptil mit Flügeln. Und tatsächlich meint *drakon* in der gesamten griechischen Literatur zunächst eine große Schlange. Die Python, die Delphi bewacht. Der Drache, der das Goldene Vlies hütet. Der, der Kadmos angreift. Alles Schlangen, alle Wächter, keine mit Flügeln oder Feuer.
Das deutsche *Wurm* und das altnordische *ormr* tragen dieselbe Bedeutung: Fafnir ist ein *ormr*, eine Schlange, kein vierbeiniges Ungeheuer. Wer mittelalterliche Drachentexte liest, muss "Wurm" als "Drache" mitlesen und darf sich die Flügel nicht dazudenken, die dort oft fehlen.
### Woraus die Bedeutung wächst
Der europäische Drache verdankt seine Symbolkraft einem Bündel von Eigenschaften, die alle in dieselbe Richtung zeigen.
Er ist Schlange, also kalt, kriechend, giftig, ohne Gliedmaßen und im biblischen Erbe von Anfang an verdächtig. Er bewacht einen Hort, den er nicht nutzt, was ihn zum Bild sinnloser Habsucht macht. Er haust an Grenzen, in Höhlen, unter der Erde, am Rand der Karte, also im Bereich des Ungeordneten. Und er muss besiegt werden, damit Ordnung entsteht. Der Drachenkampf ist keine Episode, er ist die Grundstruktur: Erst wenn das Chaostier tot ist, kann Schöpfung, Herrschaft oder Heil beginnen.
Der ostasiatische Drache wächst aus einer völlig anderen Wurzel. Er ist ein Wasserwesen, verbunden mit Fluss, Meer, Wolke und Regen, und damit in einer Agrargesellschaft die Bedingung des Überlebens. Seine Symbolkraft ist die des fruchtbaren Wassers, nicht die des Chaos. Von hier aus ist alles andere zu verstehen.
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## 2. Früheste archäologische Belege
### Mesopotamien
Der älteste sichere Drache im europäisch-vorderorientalischen Strang ist der **Mušḫuššu**, der Schlangendrache Babylons. Er erscheint auf dem **Ištar-Tor** (um 575 v. Chr., rekonstruiert im Pergamonmuseum) in glasierten Ziegeln: Schlangenhals, Schlangenzunge, Löwenvorderbeine, Vogelhinterbeine, Schuppenkörper. Er ist das Tier des Stadtgottes Marduk, also kein Feind, sondern ein Wächter- und Machttier.
Wichtiger noch ist der Text dahinter. Das babylonische Schöpfungsepos **Enūma eliš** (in der erhaltenen Fassung spätes 2. Jahrtausend v. Chr.) erzählt, wie Marduk die Urmutter **Tiāmat**, ein Chaos- und Wasserwesen, im Kampf tötet und aus ihrem geteilten Leib Himmel und Erde formt. Das ist die Urform des Drachenkampfs als Schöpfungsakt, und sie steht am Anfang fast aller späteren Varianten, vom biblischen Chaoskampf bis zu Sankt Georg.
### Ägypten
**Apophis**, die riesige Schlange, greift jede Nacht die Sonnenbarke des Re an und wird jede Nacht zurückgeschlagen. Kein einmaliger Sieg, sondern ein ewig wiederholter Abwehrkampf: die Ordnung ist nie endgültig gesichert. Apophis wird nie ganz getötet, nur immer wieder vertrieben. Eine Denkfigur, die dem europäischen Drachenkampf mit seinem endgültigen Sieg entgegensteht.
### China
Hier liegen die Belege früh und sind sachlich entscheidend. Aus der Kultur von **Hongshan** (Nordostchina, etwa 4700 bis 2900 v. Chr.) stammen Jade-Objekte, die als frühe Drachen gedeutet werden, darunter der berühmte "Schweinedrache" (*zhulong*) und ein gebogenes, schlangenartiges Stück, das oft als "erster chinesischer Drache" bezeichnet wird. 2024 wurde in einem Hongshan-Grab ein weiteres bedeutendes Jade-Drachenobjekt geborgen.
Noch älter ist eine aus Muschelschalen gelegte Drachenfigur aus einem Grab bei **Xishuipo** (Puyang), datiert auf etwa 4500 v. Chr. Damit ist der chinesische Drache mindestens so alt wie die ältesten mesopotamischen Belege und völlig unabhängig von ihnen entstanden. Er war von Anfang an mit Rang und Ritual verbunden, nicht mit Bedrohung.
### Die Bestimmungsfalle
Vieles, was in Symbollexika unter "Drache" läuft, ist keiner oder gehört in einen anderen Strang. Die griechische Hydra ist ein vielköpfiges Schlangenwesen, aber kein Drache im späteren Sinn. Der Ouroboros, die sich in den Schwanz beißende Schlange, ist ein eigenes Symbol mit eigener Bedeutung. Der Lindwurm ist der zweibeinige oder beinlose europäische Wurm, die Wyvern das zweibeinige geflügelte Wappentier, der vierbeinige geflügelte Drache eine spätere Sonderform. Diese Typen sauber zu halten ist die Voraussetzung für alles Weitere, besonders in der Heraldik.
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## 3. Antike
### Der Drache als Wächter
In der griechischen Welt ist der Drache fast durchgehend ein Wächter, und fast durchgehend eine Schlange.
Die **Python** bewacht das Orakel von Delphi, bis Apollon sie tötet; daher der Beiname Pythios und der Name der Pythia. Der namenlose **Drache von Kolchis** bewacht das Goldene Vlies, bis Medea ihn einschläfert und Jason es holt. Der **Drache der Hesperiden**, Ladon, bewacht die goldenen Äpfel, bis Herakles ihn erlegt. Der **Drache von Theben** wird von Kadmos getötet, der dann dessen Zähne sät, aus denen bewaffnete Männer wachsen, die Vorfahren der thebanischen Adligen.
Die Struktur ist überall dieselbe: Der Drache sitzt zwischen dem Helden und dem Kostbaren. Er ist die Prüfung, nicht das Ziel. Und er bewacht Gold, ein Motiv, das den Drachen für alle Zeit mit dem Hort verbindet, bis zu Fafnir und Smaug.
### Rom und das Feldzeichen
Ein eigener Strang, der oft übersehen wird. Die römische Armee übernahm von den Dakern und Sarmaten den **Draco**, ein Feldzeichen aus einem metallenen Drachenkopf mit einem stoffernen Schlauchkörper, der sich im Fahrtwind blähte und zischte. Getragen wurde er vom *draconarius*. Über die spätrömische Armee gelangt dieses Zeichen nach Britannien und in den germanischen Raum und steht am Anfang der Drachenbanner des Mittelalters, vom walisischen Roten Drachen bis zum Wessex-Drachen.
Der Drache ist hier weder Feind noch Chaos, sondern militärisches Machtzeichen. Das ist die Wurzel der positiven heraldischen Verwendung in Europa, die sonst schwer zu erklären wäre.
### China zur Han-Zeit
Bis zur Han-Dynastie ist die klassische Ikonografie ausgeprägt: Der Drache (*long*) ist eines der vier Himmelstiere, der **Azurblaue Drache des Ostens**, zuständig für Frühling und Osten. Er ist Yang, Wasser, Wandlung und kaiserliche Macht. Die Han-Herrscher beanspruchen die Drachenabkunft, und die Verbindung von Drache und Kaiser, die zwei Jahrtausende halten wird, ist gelegt.
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## 4. Mittelalter
### Der biblische Drache
Das Christentum bringt die entscheidende Verschärfung. Der Drache wird mit dem Teufel identifiziert, und zwar durch einen einzigen, außerordentlich wirkmächtigen Vers: **Offb 12,9** nennt "den großen Drachen, die alte Schlange, die Teufel und Satan heißt". Damit sind Drache, Schlange und Satan ein und dasselbe, und der Drache ist nicht mehr ein Wächter, sondern das Böse selbst.
Dazu kommen die alttestamentlichen Chaoswesen **Leviatan** und **Behemot** (Hi 40 bis 41, Ps 74, Jes 27) und der Drache im apokryphen Danielanhang **Bel und der Drache**, den Daniel ohne Schwert tötet, indem er ihm eine Mischung zu fressen gibt, die ihn zerbersten lässt. Der früheste Drachentöter, der mit Klugheit statt mit Waffen siegt.
### Die Drachentöter
Der Drachenkampf wird zur zentralen Heiligenlegende, und die Rollenverteilung ist theologisch präzise: Der Heilige besiegt den Drachen, aber die Bedeutung ist der Sieg über Sünde, Heidentum, Chaos.
**Sankt Georg** ist der bekannteste, aber spät. Die Verbindung mit der Jungfrau und dem Drachen taucht erst im Hochmittelalter auf und wird durch die *Legenda aurea* des Jacobus de Voragine (um 1260) populär. Georg tötet den Drachen oft nicht sofort, sondern führt ihn, mit dem Gürtel der Jungfrau gebändigt, in die Stadt und tötet ihn erst nach der Bekehrung der Bewohner. Der Drache ist hier das Heidentum, das sich unterwirft.
**Sankt Michael** wirft den Drachen nach Offb 12 aus dem Himmel; er ist der himmlische, Georg der irdische Drachentöter. Dazu die **Heilige Margareta**, die vom Drachen verschlungen wird und seinen Leib mit dem Kreuz sprengt, weshalb sie Schutzheilige der Gebärenden wurde. Und eine ganze Reihe lokaler Drachenbezwinger, oft Bischöfe, die statt mit dem Schwert mit Stola und Segen siegen, etwa Marcellus von Paris oder Romanus von Rouen mit der *Gargouille*.
### Der germanische Wurm
Parallel und weitgehend unabhängig läuft der nordische Strang, und er ist der literarisch reichste.
**Fafnir** in der *Völsunga saga* und der *Edda* ist ein Zwerg, der aus Habgier zum Drachen wird und den Nibelungenhort bewacht. Sigurd/Siegfried tötet ihn, badet im Blut und versteht danach die Vogelsprache. Hier ist der Drache Bild der Gier, die den Menschen selbst in ein Untier verwandelt: Fafnir war nicht immer Drache, er ist einer geworden.
Der Drache im **Beowulf** bewacht einen alten Hort und verwüstet das Land, weil ihm ein einziger Becher gestohlen wurde. Beowulf tötet ihn und stirbt dabei. Der Drache als das, was am Ende auch den größten Helden holt.
Dieser Strang liefert die dauerhafteste Bedeutung des europäischen Drachen überhaupt: **der Wächter eines Schatzes, den er nicht gebrauchen kann.** Gier, die hütet statt zu nutzen.
### Heraldik
Der Drache ist ein wichtiges, aber uneinheitliches Wappentier, und die Terminologie ist streng.
Der **Drache** im engeren Sinn hat vier Beine und Flügel. Die **Wyvern** hat zwei Beine und Flügel und einen Schlangenschwanz; sie ist in der englischen Heraldik das häufigere Wesen und wird oft fälschlich Drache genannt. Der **Lindwurm** ist beinlos oder zweibeinig ohne Flügel. Die **Amphisbaena** hat einen Kopf an jedem Ende.
Der **Rote Drache von Wales** (*Y Ddraig Goch*) ist der berühmteste heraldische Drache Europas, zurückgeführt auf Cadwaladr und die Prophezeiung bei Geoffrey of Monmouth vom roten und weißen Drachen, die unter Vortigerns Turm kämpfen; der rote steht für die Briten, der weiße für die Sachsen. Seit 1959 ist er offiziell in der walisischen Flagge.
Wichtig für Datierung und Deutung: In China ist der Drache das höchste positive Zeichen, in Europa überwiegend das Zeichen des besiegten Feindes, das der Sieger dem Wappen einverleibt. Ein Drache im europäischen Wappen bedeutet oft nicht "wir sind wie der Drache", sondern "wir haben ihn bezwungen".
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## 5. Renaissance und frühe Neuzeit
### Der Drache wird Naturgeschichte
Ein eigentümliches Kapitel. Im 16. und 17. Jahrhundert behandeln die großen Naturkundler den Drachen als reales, wenn auch seltenes Tier. **Conrad Gessner** in der *Historia animalium* (ab 1551) und **Ulisse Aldrovandi** in der *Serpentum et draconum historia* (postum 1640) sammeln Drachenberichte, Abbildungen und angebliche Präparate mit demselben Ernst wie Angaben über Schlangen und Echsen.
Die "Drachen" in den Kunstkammern waren präparierte Rochen, zurechtgeschnitten und getrocknet, die sogenannten **Jenny Haniver**. Aus einem Rochen ließ sich mit etwas Schnitzarbeit ein geflügelter Drache formen, und solche Objekte wurden als Kuriosa gehandelt und ausgestellt. Der Drache ist damit, wie der Greif mit seinen Greifenklauen, ein Fabelwesen, für das es materielle "Belege" in europäischen Sammlungen gab.
### Emblematik und Alchemie
In der Emblematik ist der Drache vielförmig: Wächter (der Drache, der den Schatz oder den Garten hütet, als Bild der Wachsamkeit, die auch schläft), Habgier, Neid, aber über den Ouroboros auch Ewigkeit und Kreislauf.
In der Alchemie ist er eines der dichtesten Zeichen überhaupt. Der **geflügelte Drache** ist das Flüchtige, der **ungeflügelte** das Fixe; ihr Kampf oder ihre Vereinigung ist eine Kernoperation. Der Drache, der sich selbst verschlingt (Ouroboros), bedeutet den geschlossenen Kreislauf des Werks. Der Drache im Feuer, der sein eigenes Gift zu Medizin wandelt, steht für die Läuterung der Materie. Michael Maier und die Bildtraktate arbeiten das aus. Für hermetische Sammlerblätter ist der Drache deshalb keine bloße Zier, sondern eine präzise Angabe.
### Der Drache in der Kunst
Paolo Uccellos *Sankt Georg und der Drache* (um 1470), Raffaels kleine Georgstafeln, Tintorettos dramatische Fassung, Rubens' bewegte Drachenkämpfe. Der Georgsstoff ist über Jahrhunderte einer der häufigsten Bildaufträge überhaupt, weil er Herrschaft, Kirche und ritterliche Tugend in einem Bild bündelt.
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## 6. Moderne
### Der europäische Drache zwischen Angst und Sympathie
Bis ins 19. Jahrhundert bleibt der Drache das Böse. Dann beginnt eine Umwertung, die im 20. Jahrhundert vollständig wird.
Wagners *Ring* (Fafner) und die Nibelungenrezeption halten zunächst am furchtbaren Wurm fest. Aber schon im Kinderbuch des späten 19. Jahrhunderts taucht der zahme, komische, schließlich sympathische Drache auf. Kenneth Grahames *The Reluctant Dragon* (1898) ist die Wende: ein Drache, der nicht kämpfen will und lieber Gedichte schreibt, und ein Sankt Georg, der sich mit ihm arrangiert.
Tolkiens **Smaug** (*Der Hobbit*, 1937) ist der letzte große böse Drache der Hochliteratur und zugleich der klügste, ein sprechender, eitler, hortbewachender Wurm in direkter Fafnir-Nachfolge. Danach kippt die Populärkultur endgültig: Michael Endes Fuchur, Drachenreiter-Fantasy, *How to Train Your Dragon*, Daenerys' Drachen. Der Drache wird vom Feind zum Gefährten, zum Reittier, zum Sympathieträger.
Diese Umwertung ist eine der vollständigsten der Symbolgeschichte, vergleichbar der Aufwertung des Mondes in der Romantik oder des Wolfs in der Gegenwart.
### Der ostasiatische Drache in der Moderne
Er bleibt, was er war, mit einer politischen Verschiebung. Nach dem Ende des Kaiserreichs 1911 verliert der Drache seine ausschließlich kaiserliche Bindung und wird zum **Zeichen der chinesischen Kultur und Nation** überhaupt. "Nachkommen des Drachen" (*long de chuanren*) ist eine verbreitete Selbstbeschreibung. Im Westen wird der Drache seinerseits zum Sinnbild Chinas, oft mit bedrohlichem Unterton, was eine Projektion des europäischen Drachenbildes auf ein Wesen ist, dem sie fremd ist.
Die Drachentänze zum Neujahr, die Drachenbootrennen, die Verwendung in Marken und Emblemen halten die positive Bedeutung lebendig. Ein im Drachenjahr geborenes Kind gilt als besonders begünstigt, mit messbaren Geburtenspitzen in den Drachenjahren.
### Kunst und Wissenschaft
In der bildenden Kunst reicht der Bogen von den Georgsbildern über Böcklins und Redons symbolistische Ungeheuer bis zu Nikki de Saint Phalles begehbarem Drachen. In der Paläontologie ist der Drache indirekt präsent: Die Gattung wurde bei der Benennung von Dinosauriern und Flugsauriern immer wieder bemüht (*Dracorex*, zahlreiche chinesische *-long*-Namen wie *Guanlong* oder *Mei long*), und die alte Vermutung, Drachenlegenden könnten auf Fossilfunden beruhen, ist für einzelne Fälle plausibel, als Gesamterklärung aber so wenig haltbar wie beim Greif.
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## 7. Der Kernvergleich: Europa und Ostasien
Weil die Verwechslung dieser beiden das größte Problem des Motivs ist, hier die Gegenüberstellung im Zusammenhang statt verstreut.
| Merkmal | Europäischer Drache | Ostasiatischer Drache (*long*) |
|---|---|---|
| Grundcharakter | Feind, Chaos, Versuchung | Wohltäter, Ordnung, Segen |
| Element | Feuer | Wasser |
| Verbunden mit | Höhle, Hort, Grenze, Unterwelt | Fluss, Meer, Wolke, Regen |
| Gestalt | vierbeinig, geflügelt, feuerspeiend (spät) | schlangenartig, ohne Flügel, fliegt dennoch |
| Verhältnis zum Menschen | muss getötet werden | wird verehrt |
| Verhältnis zur Macht | der besiegte Feind des Herrschers | der Herrscher selbst |
| typische Handlung | bewacht, raubt, verwüstet | bringt Regen, steigt auf, wandelt sich |
| moralischer Wert | negativ (bis zur Moderne) | positiv |
Zwei Ergänzungen. Der ostasiatische Drache **fliegt ohne Flügel** — er windet sich durch die Luft wie durch Wasser, und das Fehlen der Flügel ist ein sicheres Unterscheidungsmerkmal in der Bildbestimmung. Und die Zahl der Krallen war in China rangcodiert: fünf Krallen dem Kaiser vorbehalten, vier dem hohen Adel, drei im allgemeinen Gebrauch und in Japan und Korea.
Wer diese Tabelle verinnerlicht, macht den häufigsten Fehler der Drachenliteratur nicht mehr, nämlich beide als Spielarten desselben Symbols zu behandeln.
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## 8. Bedeutungen in weiteren Kulturen
Über die beiden Hauptstränge hinaus:
**Indien.** Der *Nāga* ist ein Schlangenwesen, ambivalent, oft schützend, mit dem chinesischen wie dem europäischen Drachen verwandt und doch eigen. **Vṛtra** dagegen ist das vedische Chaoswesen, eine Schlange, die die Wasser zurückhält, bis Indra sie erschlägt und die Flüsse freigibt: dieselbe Struktur wie Marduk gegen Tiāmat, unabhängig entstanden.
**Mesoamerika.** Die Gefiederte Schlange, **Quetzalcoatl** bei den Azteken, **Kukulkan** bei den Maya, ist eine Schöpfer- und Kulturbringergottheit. Mit dem europäischen Drachen hat sie außer der Schlangengestalt nichts gemein und sollte nicht unter "Drache" subsumiert werden.
**Naher Osten und Iran.** Der *Aži Dahāka* des Avesta ist ein dreiköpfiges Schlangenungeheuer, das im *Šāhnāme* als der Tyrann **Zahhāk** wiederkehrt, dem zwei Schlangen aus den Schultern wachsen. Ein Chaoswesen im Marduk-Vṛtra-Muster.
**Slawischer Raum.** Der *Zmej* ist mehrköpfig und wird von Drachentötern wie Dobrynja Nikititsch erschlagen; teils feindlich, teils ambivalent.
Der ostasiatische Wohltäter-Drache ist damit im weltweiten Vergleich eher die Ausnahme. Die meisten Kulturen kennen das große Schlangenwesen als etwas, das entweder besiegt werden muss oder gefährlich-ambivalent bleibt. Nur Ostasien hat es vorbehaltlos positiv besetzt.
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## 9. Religiöse Verwendung
### Christentum
Der Drache ist der Teufel (Offb 12,9), das Chaos (Leviatan), das Heidentum (die Drachentöter-Legenden). Er erscheint unter den Füßen Christi und Mariens (nach Ps 91,13, "über Löwen und Ottern wirst du gehen"), im Höllenschlund der Weltgerichtsbilder, in den Georgs-, Michaels- und Margareta-Darstellungen.
Eine Feinheit, die man kennen sollte: Der Drache wird fast nie ohne seinen Bezwinger dargestellt. Anders als die Eule oder die Rose, die für sich stehen können, ist der christliche Drache ein **Relationswesen** — er existiert im Bild nur, um besiegt zu werden. Ein Drache allein, ohne Georg, ohne Michael, ohne den Fuß, der auf ihm steht, ist im christlichen Kontext fast undenkbar.
### Ostasiatische Traditionen
Im **Daoismus** sind Drachen Reittiere der Unsterblichen und Verkörperungen des Dao in seiner wandelbaren Kraft. Im **Buddhismus** verschmelzen die indischen Nāgas mit den chinesischen Drachen zu den *long*, die die Lehre schützen und den Regen bringen; Drachenkönige (*longwang*) herrschen über die Gewässer und werden um Regen angerufen. In **Shintō** und im japanischen Volksglauben sind Drachen Wassergottheiten der Flüsse und des Meeres.
Hier gibt es keinen Drachenkampf. Der Drache ist Objekt der Verehrung, nicht der Bezwingung. Das ist der tiefste Unterschied zwischen den religiösen Verwendungen der beiden Traditionen.
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## 10. Verwendung in Kunst
| Werk | Datierung | Bemerkung |
|---|---|---|
| Muscheldrache von Xishuipo | um 4500 v. Chr. | einer der ältesten Drachen weltweit |
| Hongshan-Jadedrachen | 4700-2900 v. Chr. | China, mit Rang und Ritual verbunden |
| Ištar-Tor, Babylon | um 575 v. Chr. | Mušḫuššu, Wächter- und Machttier |
| Han-Drachenreliefs und -seiden | 2. Jh. v. Chr. ff. | Azurdrache des Ostens, Kaiserbezug |
| Sankt Georg, byzantinische Ikonen | ab 10. Jh. | der Drachentöter zu Pferd |
| Uccello, *Sankt Georg und der Drache* | um 1470 | Renaissance-Fassung des Stoffs |
| Aldrovandi, *Serpentum et draconum historia* | 1640 | Drache als Naturgeschichte |
| Jenny-Haniver-Präparate | 16./17. Jh. | Rochen als Drachenkuriosum |
| chinesische Drachenroben und -throne | Ming/Qing | fünfklauiger Kaiserdrache |
| Böcklin, Redon, symbolistische Ungeheuer | 19. Jh. | der Drache als Traumwesen |
| Niki de Saint Phalle, *Golem*/Drachenbauten | 20. Jh. | begehbarer Drache |
### Zur Technik
Der Drache ist im Kleinformat paradoxerweise leichter zu behandeln als der Greif oder der Phönix, weil seine Silhouette so markant ist: Der geschwungene Schlangenleib trägt das Bild auch dann, wenn Details verschwinden. Eine Drachensilhouette ist auf 20 Millimeter noch als Drache lesbar.
Für den europäischen Drachen ist die Bewegung alles. Ein steifer Drache ist tot; der Reiz liegt in der Windung, im aufgerollten Schwanz, im gedrehten Hals. Kupferstich und Radierung tragen das Schuppenwerk gut, wenn die Schraffur der Körperkrümmung folgt.
Für den ostasiatischen Drachen gilt eine ganz andere Ästhetik: die durchgehende, wolkengleiche Linie, das Fehlen der Flügel, die drei bis fünf Krallen, die Bewegung durch Luft wie durch Wasser. Wer einen chinesischen Drachen europäisch mit Fledermausflügeln zeichnet, produziert denselben Fehler wie der Uhu als Athenavogel.
Die Abgrenzung zur Schlange und zur Wyvern ist im Entwurf zu bedenken: Beine und Flügel definieren den heraldischen Typ, und die Vertauschung ist ein sichtbarer Fehler.
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## 11. Verwendung in Literatur
### Antike
Enūma eliš mit dem Marduk-Tiāmat-Kampf. Hesiod, *Theogonie*, mit Typhon und Echidna, den Elterntieren vieler Ungeheuer. Die Argonautika des Apollonios Rhodios mit dem Drachen von Kolchis. Ovid, *Metamorphosen*, mit Kadmos und der Drachensaat. Die Bibel mit Leviatan, dem Drachen der Johannesoffenbarung und Bel und der Drache.
### Mittelalter
Die *Völsunga saga* und das *Nibelungenlied* mit Fafnir und Siegfried. *Beowulf* mit dem Hortdrachen. Die *Legenda aurea* mit Georg, Margareta und den Bischofslegenden. Geoffrey of Monmouth mit dem roten und weißen Drachen. Wolframs und Hartmanns höfische Drachen als Bewährungsproben.
### Neuzeit
Spensers *Faerie Queene* mit dem großen Drachenkampf des Redcrosse Knight, einer Georgs-Allegorie. Miltons Anspielungen. Die romantische Nibelungenrezeption bis zu Wagners *Ring*. Grahames *Reluctant Dragon* als Wendepunkt. Tolkiens Smaug. Le Guins *Erdsee*, in dem Drachen weise, uralte und der menschlichen Moral enthobene Wesen sind, eine der klügsten modernen Neudeutungen. Michael Endes *Unendliche Geschichte*. Und die breite Gegenwartsfantasy von Anne McCaffreys Pern-Reihe bis zu George R. R. Martin.
Für die ostasiatische Literatur: die *Reise nach Westen* mit den Drachenkönigen, die klassische chinesische Dichtung, in der der Drache Aufstieg und Wandlung bedeutet, und das japanische Erzählgut um Ryūjin, den Drachengott des Meeres.
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## 12. Verwendung auf Exlibris
### Zwei Motive, zwei Botschaften
Wie in der Kunst zerfällt der Drache auch im Exlibris in zwei völlig verschiedene Wesen, und man sollte vor dem Entwurf wissen, welches gemeint ist.
Der **europäische Drache** trägt auf einem Bucheignerzeichen dieselbe Bedeutung, die er seit Fafnir hat: **den Hüter eines Schatzes.** Das ist zunächst dieselbe Aussage wie beim Greif. Der Unterschied liegt im Ton. Der Greif ist ein legitimer, würdevoller Wächter, ein Amtstier. Der Drache ist der Wächter mit schlechtem Gewissen, der Hüter, dem man die Habgier ansieht. Ein Drachen-Exlibris sagt nicht nur "das gehört mir und wird bewacht", es sagt es mit einem selbstironischen Beiklang: Ich hüte meine Bücher wie ein Drache sein Gold, eifersüchtig, hortend, und ich weiß es.
Für einen Sammler, der seine Besitzhaltung mit einem Augenzwinkern zugibt, ist der Drache damit genauer als der Greif. Er ist das Motiv für den bekennenden Bibliomanen.
Der **ostasiatische Drache** trägt eine gänzlich andere Botschaft: Wandlung, Aufstieg, Glück, die schöpferische Kraft des Wassers. Für Sammler ostasiatischer Literatur, für Sinologen und Japanologen, für Bibliotheken mit entsprechendem Schwerpunkt ist er das richtige Zeichen, und er sollte dann auch korrekt gezeichnet sein, ohne Flügel, mit der wolkengleichen Linie und der richtigen Krallenzahl.
### Der Drachentöter als eigentliches Bibliotheksmotiv
Der interessanteste Ansatz, und der am wenigsten genutzte, verschiebt den Blick vom Drachen auf den Kampf.
Der Drachenkampf ist die Grundstruktur, in der Wissen das Chaos überwindet. Der Held, der den Drachen besiegt, ist der, der eine Prüfung besteht und Zugang zum Kostbaren gewinnt. Genau das tut der Lesende: Er ringt dem Schwierigen das Verständnis ab. Ein Exlibris, das nicht den Drachen, sondern den **Drachentöter** zeigt, macht aus dem Bucheignerzeichen ein Bild geistiger Bewährung. Georg mit dem Buch statt der Lanze; Sankt Michael, der den Unverstand niederwirft; die klassische Struktur, umgewidmet auf die Arbeit des Lesens.
Für Wissenschaftler, Gelehrte und Kämpfernaturen unter den Sammlern ist das ein starkes, historisch tief verankertes und im Exlibris kaum besetztes Motiv.
### Der alchemistische Drache
Für Sammler von Occulta, für Chemiker und Apotheker. Hier ist der Drache präzise codiert: geflügelt das Flüchtige, ungeflügelt das Fixe, als Ouroboros der geschlossene Kreislauf des Werks. Wie beim Phönix, der die Schlussstufe bezeichnet, ist auch der Drache kein dekoratives, sondern ein operatives Zeichen. Ein Ouroboros-Exlibris ist dabei die eleganteste Form: der Kreis, den die sich selbst verschlingende Schlange bildet, umschließt Namen oder Wappen wie von selbst und ist zugleich Rahmen und Bedeutung.
### Der heraldische Drache
Zu unterscheiden sind Drache (vierbeinig, geflügelt), Wyvern (zweibeinig, geflügelt) und Lindwurm (beinlos). Für walisische, sächsische und einzelne kontinentale Bestände ist der Drache das redende Landeszeichen; ein roter Drache auf einem englischsprachigen Blatt verweist meist nach Wales.
Zu beachten, wie in der ganzen europäischen Heraldik: Der Drache im Wappen ist häufig der **bezwungene** Feind, nicht das Selbstbild. Ein Blatt, das einen Drachen unter einem Wappen oder Helm zeigt, kann einen Sieg über ihn meinen, nicht eine Identifikation mit ihm.
### Redendes Motiv
Die Namensbasis ist breit.
Deutsch: Drache, Drachen, Drachenfels, Drachstedt, Wurm, Wurmb, Lindwurm, Lindner (teilweise), Drecker (mundartlich). Dazu die Ortsnamen, Drachenfels am Rhein voran, mit der Nibelungen- und Siegfried-Assoziation.
Romanisch: Drago, Draghi, Dragone, Dragoni (italienisch), Dragón, Draco (spanisch), Dragon, Ledru (französisch). Keltisch und britisch: Draig, alle walisischen Bezüge über *Ddraig*. Slawisch: Zmaj, Zmija, Smok, Drakić. Griechisch: Drakos, Drakoulis, Drakopoulos. Ungarisch: Sárkány.
Für ostasiatische Namensträger ist das Zeichen 龍/竜 (*long*, *ryū*) in Namen wie Long, Ryū, Kim (in bestimmten Zusammensetzungen) präsent, aber hier ist Vorsicht und Sachkenntnis geboten, bevor man ein redendes Blatt entwirft.
### Der Gegen-Vanitas und der Grenzwächter
Zwei Sondertypen. Der Drache am Rand des Blattes, als Umrahmung oder als Bewacher der unteren Ecke, greift die uralte Funktion des Grenz- und Schwellenwesens auf: Er markiert, wo der Besitz des Eigners endet und die Welt beginnt. Und in der Vanitas-Kombination steht der Drache für die Vergänglichkeit, die man sich vom Leib hält, nicht für den Tod selbst; er ist das abgewehrte, nicht das eingetretene Unheil.
### Handwerkliches
Vor dem ersten Strich entscheiden, welcher Drache gemeint ist. Der europäische und der ostasiatische verlangen unterschiedliche Linienführung, unterschiedliche Anatomie, unterschiedliche Krallenzahl. Eine Mischung wirkt unbeholfen.
Beim europäischen Drachen die Bewegung suchen; ein gewundener Leib trägt das Blatt, ein steifer tötet es. Beim ostasiatischen die durchgehende Linie und das Fehlen der Flügel respektieren.
Im Kleinformat ist die Silhouette der Verbündete; anders als Greif und Phönix bleibt der Drache auch stark verkleinert erkennbar. Schuppen im Kupferstich der Körperkrümmung folgen lassen.
Verwechslungsgefahr besteht mit Schlange, Wyvern, Lindwurm, Basilisk und, beim ostasiatischen Typ, mit dem Fenghuang und dem Qilin. Die heraldische Typenlehre klärt das.
### Devisen
Belegt oder gut eingeführt:
*Non draco sit mihi dux* — nicht sei der Drache mein Führer, aus dem der katholischen Tradition zugeschriebenen Benediktussegen; für ein Blatt mit Drachentöter-Bezug schlüssig.
*Hic sunt dracones* — hier sind Drachen, die sprichwörtliche Kartenbeschriftung für unerforschtes Gebiet. Als Devise für einen Sammler des Abseitigen, des Seltenen, des noch nicht Erschlossenen ausgezeichnet, und mit dem Wissen zu setzen, dass die Formel selbst fast eine Legende ist (siehe Irrtümer).
*Custodit et terret* — er bewacht und schreckt.
*Vigilat draco* — der Drache wacht.
*Post nubila Phoebus* passt nicht hierher, wohl aber für den ostasiatischen Drachen ein Sinnspruch über Regen und Wandlung, der dann besser aus der chinesischen Tradition selbst genommen wird als lateinisch behauptet.
Als Neubildungen zu kennzeichnen: *Servo quod servo* (ich bewahre, was ich bewache), *Per draconem ad thesaurum* (durch den Drachen zum Schatz), für den Drachentöter-Typ.
### Wo man suchen kann
Die bekannten Adressen: Museum Schloss Burgk an der Saale mit über 200.000 Blättern (Stand Juni 2025), Grundstock die 1981 übereignete Sammlung Heinicke; Bestände mit Zettelkatalogen nach Künstlern, Eignern und Motiven; das Internationale Exlibriszentrum Sint-Niklaas, das Kunstmuseum Frederikshavn, das Klingspor-Museum Offenbach, das Gutenberg-Museum Mainz, die ÖNB Wien, E-Pics "Ex meis libris" der ETH-Bibliothek Zürich, und für die künstlerbezogene Suche die DEG-Werklisten.
Zwei Hinweise für dieses Motiv. Bei einer Motivsuche lohnt es, getrennt nach "Drache", "Sankt Georg", "Michael" und "Schlange" zu suchen, weil die Katalogisierung zwischen diesen Kategorien schwankt und der Drachentöter oft unter dem Heiligennamen, nicht unter dem Tier verzeichnet ist. Und für ostasiatische Drachen sind die allgemeinen Exlibris-Motivkataloge dünn; ergiebiger sind die Bestände zu Japonismus und Chinamode um 1900 sowie die Sammlungen von Künstlern, die im ostasiatischen Stil gearbeitet haben, Emil Orlik voran.
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## 13. Bekannte Künstler
### Exlibris und Buchgrafik
Michel Fingesten (1884-1943) für den europäischen Drachen im symbolistisch-makabren Register, in seinem riesigen Werk mehrfach belegt.
Alfred Cossmann in Wien für die heraldische und allegorische Feinarbeit im Kupferstich. Josef Sattler, dessen Fabelwesen-Repertoire aus der Renaissance-Rezeption schöpft und der Drachen mit besonderer Lust gezeichnet hat. Marcus Behmer für die feine, an Beardsley geschulte Linie.
Emil Orlik (1870-1932) ist bei ostasiatischen Drachen die erste Adresse; er war in Japan, hat den Holzschnitt dort gelernt und den fernöstlichen Drachen mit Sachkenntnis ins deutsche Exlibris gebracht.
Otto Hupp und Adolf Matthias Hildebrandt für die formal korrekten heraldischen Drachen und Wyverns. Alois Kolb, Willi Geiger, Heinrich Vogeler.
Aus der britischen Buchkunst Aubrey Beardsley und Walter Crane, deren Drachen die Jugendstil-Ornamentik prägten. Für die Nachkriegszeit Mark Severin und Gerard Gaudaen in Belgien.
Die Liste ist indikativ; die tatsächlichen Vorkommen sind über die DEG-Werklisten und Motivkataloge im Einzelfall zu prüfen.
### Freie Kunst
Die anonymen Meister des Ištar-Tors und der Han-Reliefs. Paolo Uccello, Raffael, Tintoretto, Peter Paul Rubens für den Georgsstoff. Albrecht Dürer und Martin Schongauer für die druckgrafischen Drachen. Arnold Böcklin und Odilon Redon für die symbolistischen Ungeheuer. Und in der ostasiatischen Kunst die großen Drachenmaler der Song- und Ming-Zeit, Chen Rong voran, dessen Drachenrolle der Maßstab bleibt, sowie Hokusai und Ogata Kōrin in Japan.
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## 14. Interessante Anekdoten
**Der Drache, der ein Rochen war.** In den Kunstkammern der frühen Neuzeit hingen "Drachen", die aus getrockneten Rochen zurechtgeschnitten waren, die sogenannten Jenny Haniver. Aus dem Bauchbild eines Rochens, das entfernt an ein Gesicht erinnert, ließ sich mit Schnitzarbeit ein geflügeltes Ungeheuer formen. Naturkundler wie Aldrovandi behandelten den Drachen als reales Tier, und die Präparate stützten den Glauben. Wie beim Greif mit seinen Greifenklauen schuf sich auch der Drache seine Realien.
**Hier sind Drachen — angeblich.** Die berühmte Kartenbeschriftung *hic sunt dracones* für unerforschtes Gebiet ist fast eine Legende für sich. Tatsächlich belegt ist sie nur ein einziges Mal, auf dem Hunt-Lenox-Globus von etwa 1508, und dort in der Form *hic sunt dracones*. Die verbreitete Vorstellung, mittelalterliche Karten seien voll solcher Warnungen gewesen, ist selbst ein Mythos. Die Kartografen schrieben eher "hier sind Löwen" oder zeichneten Seeungeheuer, ohne den Satz.
**Ein Drache pro Kaiser, fünf Krallen.** In China war die Zahl der Drachenkrallen streng nach Rang geregelt. Der fünfklauige Drache war dem Kaiser vorbehalten; wer ihn unbefugt trug, beging ein Verbrechen. Der hohe Adel bekam vier Krallen, der allgemeine Gebrauch drei. Als das Motiv nach Japan und Korea wanderte, kam es dort meist mit drei Krallen an, weil man die kaiserlichen Fünfklauer nicht exportierte.
**Der Drache, der nicht kämpfen wollte.** Kenneth Grahames *The Reluctant Dragon* von 1898 markiert die Wende in der europäischen Drachengeschichte. Der Drache dort ist ein gebildeter Ästhet, der lieber Gedichte schreibt als kämpft, und Sankt Georg einigt sich mit ihm auf einen vorgetäuschten Kampf. Von hier führt eine gerade Linie zu allen sympathischen Drachen der Gegenwart.
**Drachenjahre und Geburtenspitzen.** Der Glaube, im Drachenjahr geborene Kinder seien besonders begünstigt, ist so stark, dass sich in mehreren ostasiatischen Ländern in den Drachenjahren messbare Geburtenspitzen zeigen. Ein Symbol, das auf die Demografie durchschlägt.
**Wagners Fafner und der Grüne Hügel.** Für die Bayreuther Uraufführung des *Ring* 1876 musste ein bühnentauglicher Drache her; er wurde bei einer Londoner Firma bestellt und in Teilen geliefert. Der Hals soll auf dem Transport verlorengegangen oder versehentlich nach Beirut statt Bayreuth geschickt worden sein. Die Anekdote ist gut erzählt und schlecht belegt, aber der reale Kern, ein schwerfälliger, wenig furchterregender Bühnendrache, ist durch zeitgenössischen Spott gesichert.
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## 15. Irrtümer
**Der europäische und der ostasiatische Drache sind Varianten desselben Wesens.**
Der Grundirrtum, aus dem fast alle anderen folgen. Sie haben verschiedene Wurzeln, verschiedene Elemente, verschiedene Bedeutungen und ein entgegengesetztes Verhältnis zum Menschen. Der eine muss getötet werden, der andere wird verehrt. Dass beide im Deutschen und Englischen denselben Namen tragen, ist eine Übersetzungstatsache, keine Wesensverwandtschaft. Wer sie zusammenwirft, versteht keinen von beiden.
**Der Drache war immer geflügelt und feuerspeiend.**
Nein. Der antike *drakon* ist eine Schlange, ohne Flügel, ohne Feuer. Python, Ladon, der Kolchische Drache, Fafnir als *ormr* sind Schlangen oder schlangenartige Würmer. Flügel, vier Beine und Feuer setzen sich erst im Lauf des Mittelalters durch. Der vertraute Drache ist eine späte Zusammensetzung.
**Der ostasiatische Drache fliegt mit Flügeln.**
Er fliegt ohne. Er windet sich durch die Luft wie durch Wasser. Ein chinesischer oder japanischer Drache mit Fledermausflügeln ist eine westliche Verfälschung, so falsch wie ein Steinkauz mit Federohren als Athenavogel.
**Drachenlegenden gehen auf Dinosaurierfossilien zurück.**
Für einzelne Fälle plausibel, als Gesamterklärung nicht haltbar, aus denselben Gründen wie bei der Protoceratops-Greif-These. Der Drache ist überwiegend aus Schlange, Chaoskampf und Hortsage zusammengewachsen, nicht aus Knochenfunden. Wo Fossilien eine Rolle spielten, verstärkten sie ein vorhandenes Bild, sie schufen es nicht.
**Sankt Georg ist ein antiker oder frühchristlicher Drachentöter.**
Der historische Georg, wenn es ihn gab, ist ein Märtyrer des frühen 4. Jahrhunderts ohne Drachen. Die Drachenlegende taucht erst rund achthundert Jahre später auf, im Hochmittelalter, und wird durch die *Legenda aurea* um 1260 populär. Der Drache gehört nicht zum ursprünglichen Georgsstoff.
**Der Drache im europäischen Wappen bedeutet, dass sich der Träger mit ihm identifiziert.**
Oft das Gegenteil. Der Drache ist im christlichen Europa der besiegte Feind, und ein Wappendrache kann den Sieg über ihn meinen, nicht die Gleichsetzung. Die Ausnahme ist das Feldzeichen-Erbe, etwa der walisische Drache, der über den römischen *draco* eine positive, militärische Wurzel hat.
**"Hier sind Drachen" stand auf vielen alten Karten.**
Belegt ist die lateinische Formel nur ein einziges Mal, auf dem Hunt-Lenox-Globus um 1508. Die Vorstellung flächendeckend drachenbeschrifteter Karten ist ein moderner Mythos.
**Leviatan, Nāga, Quetzalcoatl, Fenghuang sind Drachen.**
Verschiedene Wesen aus verschiedenen Traditionen, die durch die europäische Sammelkategorie "Drache" fälschlich zusammengezogen werden. Leviatan ist ein biblisches Chaoswesen, der Nāga ein indisches Schlangenwesen, Quetzalcoatl eine mesoamerikanische Schöpfergottheit, der Fenghuang gar kein Drache, sondern der ostasiatische "Phönix". Jede Gleichsetzung verwischt eine eigene Geschichte.
**Der Ouroboros ist ein Drache.**
Er ist ein eigenständiges Symbol, die sich in den Schwanz beißende Schlange (oder Drache), mit einer eigenen Bedeutung von Kreislauf, Ewigkeit und Selbstbezug. Er lässt sich als Drache darstellen, ist aber nicht dasselbe Motiv und sollte nicht darunter aufgehen.
**Der Drachenkampf ist eine christliche Erfindung.**
Er ist viel älter. Marduk gegen Tiāmat, Indra gegen Vṛtra, Re gegen Apophis, Zeus gegen Typhon, alle vorchristlich und unabhängig. Das Christentum hat den Chaoskampf übernommen und dem Drachen die Teufelsbedeutung gegeben, aber die Struktur selbst gehört zu den ältesten Erzählmustern der Menschheit.
**Alle Kulturen fürchten den Drachen, nur China nicht.**
Zu grob, aber im Kern richtig als Hinweis auf eine echte Asymmetrie. Die meisten Kulturen kennen das große Schlangenwesen als etwas Gefährliches oder zu Besiegendes. Die vorbehaltlos positive Besetzung ist eine ostasiatische Besonderheit, die man nicht zur Weltregel verallgemeinern darf, aber auch nicht übersehen sollte.
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## 16. Quellen
### Übergreifende Darstellungen
Daniel Ogden: *Drakon. Dragon Myth and Serpent Cult in the Greek and Roman Worlds*, Oxford 2013. Das maßgebende Werk zum antiken Drachen, materialgesättigt und quellennah.
Daniel Ogden: *Dragons, Serpents, and Slayers in the Classical and Early Christian Worlds. A Sourcebook*, Oxford 2013. Die zugehörige Quellensammlung in Übersetzung.
Jacqueline Simpson: *British Dragons*, London 1980, für den britisch-insularen Strang.
Calvert Watkins: *How to Kill a Dragon. Aspects of Indo-European Poetics*, Oxford 1995, zur sprach- und motivgeschichtlichen Tiefenstruktur des Drachenkampfs.
Für den ostasiatischen Drachen: M. W. de Visser: *The Dragon in China and Japan*, Amsterdam 1913, bis heute grundlegend; Roel Sterckx und neuere Arbeiten zur chinesischen Tiersymbolik.
### Nachschlagewerke
*Reallexikon für Antike und Christentum* (RAC), Art. "Drache". *Lexikon der christlichen Ikonographie* (LCI), Art. "Drache", "Georg", "Michael", "Margareta". *Reallexikon der Assyriologie* (RlA), Art. "Mischwesen", "Mušḫuššu", "Tiāmat". Chevalier und Gheerbrant, *Dictionnaire des symboles*. Manfred Lurker: *Wörterbuch der Symbolik*, Kröner.
### Alter Orient und Antike
*Enūma eliš*, in den Ausgaben von W. G. Lambert (*Babylonian Creation Myths*, 2013) oder in TUAT. Hesiod, *Theogonie*. Apollonios Rhodios, *Argonautika*. Ovid, *Metamorphosen* III und IV. Zu Apophis die einschlägige Ägyptologie zum Totenbuch und zu den Unterweltbüchern.
Zum römischen Feldzeichen: die Literatur zum *draco* und zum *draconarius* in der Militaria-Forschung.
### Bibel und Mittelalter
Leviatan und Behemot in Hi 40 bis 41, Ps 74, Jes 27; der Drache in Offb 12; *Bel und der Drache* im Danielanhang. Jacobus de Voragine, *Legenda aurea*, in der Ausgabe von Bruno W. Häuptli. *Physiologus*, übers. Otto Seel. Das *Aberdeen Bestiary* (MS 24), digitalisiert. *Völsunga saga* und *Beowulf* in den Standardausgaben. Geoffrey of Monmouth, *Historia regum Britanniae*.
### Frühe Neuzeit
Conrad Gessner, *Historia animalium*, ab 1551. Ulisse Aldrovandi, *Serpentum et draconum historia*, Bologna 1640. Zu den Jenny Haniver die museums- und wissenschaftsgeschichtliche Literatur zu Kunstkammern.
### Alchemie
Lyndy Abraham: *A Dictionary of Alchemical Imagery*, Cambridge 1998, zu Drache und Ouroboros. Michael Maier, *Atalanta fugiens*, 1617.
### China und Japan
M. W. de Visser: *The Dragon in China and Japan*, Amsterdam 1913. Terese Tse Bartholomew: *Hidden Meanings in Chinese Art*, San Francisco 2006. Zur Rangcodierung der Krallen und zur Kaiserikonografie die Literatur zu Drachenroben und Hofkunst der Ming- und Qing-Zeit. Zu den Hongshan- und Xishuipo-Funden die chinesische archäologische Fachliteratur und die Berichte zu den jüngeren Grabungen.
### Exlibris
Walter von zur Westen: *Exlibris (Bucheignerzeichen)*, Bielefeld und Leipzig 1901, 2. Aufl. 1909. Norbert H. Ott: *Exlibris. Zur Geschichte ihrer Motive, ihrer Gestaltungsformen und ihrer Techniken*. Gernot Blum: *Michel Fingesten. Das Gesamtwerk der Exlibris*, 1987. Hans Ankwicz-Kleehoven: *Alfred Cossmann und sein Werk*, Wien 1924. Zu Orlik und Japan die Werk- und Ausstellungsliteratur zu Emil Orlik.
*Jahrbuch der Deutschen Exlibris-Gesellschaft*, fortlaufend, dazu das DEG-Magazin und das PDF-Archiv der Mitteilungen. DEG-Werklisten unter https://exlibris-deg.de/exlibris-werklisten/ und das Verzeichnis öffentlicher Bestände unter https://exlibris-deg.de/weitere-exlibris-archive/. FISAE-Kongressbände. E-Pics "Ex meis libris" der ETH-Bibliothek Zürich. Für Wappenexlibris die Kataloge der Franks-Sammlung im British Museum, für heraldische Drachen und Wyverns Fox-Davies, *A Complete Guide to Heraldry*, London 1909.
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*Zur Belastbarkeit: Auflagen, Erscheinungsjahre und Seitenzahlen sollten vor einer Publikation am Original oder im Bibliothekskatalog geprüft werden. Als strittig oder offen gekennzeichnet sind vor allem die Datierung und Deutung der frühen chinesischen Jadedrachen, die zoologische Grundlage einzelner Drachenlegenden, die genaue Entstehungsgeschichte der geflügelten Feuerdrachenform und der Beleglage der Wagner-Drachen-Anekdote in Abschnitt 14.*
Ex Libris Mittelalter, Drache und Ritter
- Hersteller EXLIBRIS INSEL
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