Ex Libris Ägypten, Sphinx
Die Sphinx
Eine kultur- und kunsthistorische Symbolstudie
Vorbemerkung
Die Sphinx teilt mit dem Drachen ein Grundproblem: Es gibt nicht die eine Sphinx, sondern zwei, die kaum etwas gemeinsam haben außer dem Löwenleib und dem Namen, den die Griechen beiden gaben.
Die ägyptische Sphinx ist männlich, wohlwollend, ein Wächter. Sie hat meist das Gesicht des Königs, liegt ruhig vor Tempeln und Gräbern und stellt keine Fragen. Sie beschützt.
Die griechische Sphinx ist weiblich, geflügelt, mörderisch. Sie hockt auf einem Felsen vor Theben, stellt ein Rätsel und zerreißt jeden, der es nicht löst. Sie ist ein Ungeheuer, und ihre Geschichte endet mit ihrem Tod.
Beide heißen Sphinx, und das ist eine griechische Namensübertragung, keine Wesensverwandtschaft. Die Griechen sahen die ägyptischen Löwenwächter und nannten sie mit ihrem eigenen Wort, so wie sie später vieles Fremde mit vertrauten Namen belegten. Wer über die Sphinx als ein Symbol schreibt, muss diese Doppelnatur an den Anfang stellen, sonst wird alles unscharf.
Eine zweite Vorbemerkung. Die Sphinx hat eine dritte Existenz, die weder ägyptisch noch griechisch ist: die moderne. Seit der Renaissance, verstärkt durch die napoleonische Ägyptenexpedition und den Symbolismus des 19. Jahrhunderts, ist die Sphinx zum Inbegriff des Rätsels selbst geworden, des Geheimnisvollen, des Unergründlichen, der schweigenden Frau, die mehr weiß, als sie sagt. Diese moderne Sphinx ist eine Verschmelzung der beiden antiken, und sie ist es, die den meisten Menschen heute vor Augen steht. Für ein Exlibris ist gerade sie besonders ergiebig.
1. Ursprung
Die Fügung
Die Sphinx ist, wie der Greif, ein zusammengesetztes Wesen, aber ihre Fügung ist eine andere und bedeutungsvollere: Menschenkopf auf Löwenleib. Nicht zwei Tiere, sondern Mensch und Tier. Das ist der entscheidende Unterschied zum Greif, und aus ihm folgt die ganze Bedeutung.
Der Löwenleib gibt die Kraft, die Herrschaft, die Gefahr, das Tierische. Der Menschenkopf gibt den Verstand, das Bewusstsein, die Sprache, das Rätsel. Die Sphinx ist damit das Bild des Wesens, das beides ist: Tier und Geist, Trieb und Gedanke. Bei der ägyptischen Sphinx überwiegt die königliche Würde dieses Zusammentreffens, bei der griechischen die Bedrohung, die im Zusammentreffen von tierischer Grausamkeit und menschlicher Klugheit liegt.
Die griechische Sphinx bekommt zusätzlich Flügel, die der ägyptischen fehlen, und oft weitere Züge, Frauenbrust, Schlangenschwanz. Sie ist das gefährlichere, hybridere Wesen.
Woraus die Bedeutung wächst
Vier Eigenschaften tragen die Symbolik.
Die Mischgestalt aus Mensch und Tier macht die Sphinx zum Grenzwesen zwischen den Ordnungen, zum Bild des Übergangs, des Zwielichtigen, des nicht Einzuordnenden.
Die Wächterfunktion der ägyptischen Sphinx macht sie zum Schwellenhüter, zum Bewahrer des Heiligen, zum Tier, das an Toren und Gräbern liegt und den Zugang bewacht.
Das Rätsel der griechischen Sphinx macht sie zum Bild der tödlichen Frage, der Prüfung, die man bestehen muss, und, in der Umkehrung, des Wissens selbst, das gefährlich ist.
Und das Schweigen der ägyptischen Sphinx, ihr rätselloses, jahrtausendelanges Dasitzen, macht sie in der Moderne zum Bild des Geheimnisses, das keine Frage stellt und keine Antwort gibt, sondern einfach da ist und nicht verrät.
Das Wort
Griechisch Σφίγξ (Sphinx) wird traditionell mit dem Verb sphíngein verbunden, "würgen, zusammenschnüren", was zur Würgerin von Theben passt. Diese Etymologie ist alt und schön, aber wahrscheinlich eine griechische Umdeutung.
Denn das Wort dürfte in Wahrheit aus dem Ägyptischen stammen: šsp ꜥnḫ (schesep anch), "lebendes Bild" oder "lebendige Statue", eine Bezeichnung für die königlichen Sphinxstatuen. Die Griechen hörten das fremde Wort, formten es zu Sphinx und deuteten es über sphíngein neu. Damit trägt schon der Name die ganze Doppelnatur in sich: eine ägyptische Wurzel, griechisch umgedeutet zur Würgerin. Man sollte die sphíngein-Herleitung deshalb als das kennzeichnen, was sie ist, eine sekundäre Volksetymologie (Abschnitt 14).
2. Früheste archäologische Belege
Ägypten
Der Ursprung liegt hier, und er ist monumental.
Die Große Sphinx von Giza ist die älteste und größte monumentale Sphinx und eines der ältesten Großmonumente der Menschheit überhaupt. Sie wird üblicherweise in die 4. Dynastie datiert, meist in die Regierungszeit des Chephren (um 2500 v. Chr.), dessen Gesicht sie wohl trägt und dessen Pyramide sie zugeordnet ist. Sie ist rund 73 Meter lang, aus dem anstehenden Fels gehauen, und blickt nach Osten, dem Sonnenaufgang entgegen.
Wichtig für die Symbolik: Die ägyptische Sphinx ist von Anfang an königlich und solar. Sie verbindet den König (Menschenkopf) mit der Kraft des Löwen und der Sonne. Im Neuen Reich wird die Große Sphinx als Erscheinung des Sonnengottes Harmachis (Hor-em-achet, "Horus im Horizont") verehrt. Die berühmte Traumstele zwischen ihren Pranken, aufgestellt von Thutmosis IV., erzählt, der Gott habe dem schlafenden Prinzen im Traum das Königtum versprochen, wenn er die Sphinx vom Sand befreie.
Es gibt auch Widder-Sphingen (Kriosphingen, dem Amun zugeordnet, wie die Sphinxallee von Karnak) und Falken-Sphingen (Hierakosphingen). Die Sphinx ist in Ägypten ein ganzer Typus, nicht ein einzelnes Wesen, und fast immer Wächter und Machtzeichen.
Vorderer Orient
Von Ägypten wandert der Typus in die Levante und nach Mesopotamien, wo er sich mit den einheimischen Mischwesen mischt. Hier bekommt die Sphinx oft Flügel und wird weiblicher, und über diese vorderorientalische, geflügelte Sphinx führt der Weg nach Griechenland. Die phönizischen und syrischen Elfenbeinschnitzereien des frühen ersten Jahrtausends v. Chr., dieselben Werkstätten, die auch den Greif verbreiteten, tragen die geflügelte Sphinx in den Mittelmeerraum.
Ägäis und Griechenland
In der minoisch-mykenischen Kunst erscheint die geflügelte Sphinx als dekoratives und wohl apotropäisches Motiv. In der archaischen griechischen Kunst wird sie häufig: als Bekrönung von Grabstelen (die Sphinx als Grabwächterin), auf Vasen, als Weihgeschenk. Die berühmte Sphinx der Naxier in Delphi (um 560 v. Chr.), auf hoher Säule, ist ein Hauptwerk archaischer Plastik. Erst allmählich verdichtet sich das Bild zur einen, bösen, rätselstellenden Sphinx des Ödipus-Mythos.
3. Antike
Die ägyptische Linie
Sie bleibt, was sie war: Wächter, Königsbild, Sonnentier. Über die ptolemäische Zeit und die römische Ägyptenbegeisterung gelangen Sphingen als Bildmotiv ins gesamte Reich; Kaiser Augustus und seine Nachfolger schmücken Rom mit ägyptischen und ägyptisierenden Sphingen. Die Sphinx wird zum Zeichen Ägyptens selbst und des exotisch Geheimnisvollen.
Die griechische Linie und das Rätsel
Hier steht der Mythos, der die Sphinx für die europäische Kultur geprägt hat.
Die Sphinx, Tochter von Typhon und Echidna (nach Hesiod) oder anderer Ungeheuer, wird von Hera oder Ares gegen Theben gesandt. Sie hockt auf dem Berg Phikion, hält die Stadt in Schrecken und stellt jedem Vorübergehenden ein Rätsel, das sie von den Musen gelernt hat. Wer es nicht löst, wird erwürgt und gefressen.
Das Rätsel, in seiner klassischen Form: Was geht am Morgen auf vier Beinen, am Mittag auf zweien, am Abend auf dreien? Ödipus löst es: der Mensch, der als Kind kriecht, als Erwachsener aufrecht geht und im Alter am Stock. Daraufhin stürzt sich die Sphinx vom Felsen und stirbt, und Ödipus wird zum König von Theben, mit den bekannten furchtbaren Folgen.
Es gibt ein zweites Rätsel in manchen Überlieferungen (von den zwei Schwestern, dem Tag und der Nacht), aber das erste ist das, das alles trägt.
Die Bedeutung ist tief. Das Rätsel handelt vom Menschen selbst, und die Sphinx, halb Mensch halb Tier, zwingt den Menschen, sich selbst zu erkennen. Ödipus besteht, weil er das Wesen "Mensch" benennen kann, und stürzt dann doch, weil er sich selbst als diesen Menschen nicht kennt. Die Sphinx ist damit von Anfang an mit der Frage nach dem Selbst verknüpft, ein Zug, den die Moderne stark macht.
Die Sphinx als Grabwächterin
Neben dem Mythos läuft die stille, häufige Verwendung: die Sphinx auf Grabstelen und Grabmälern, als Wächterin der Toten, oft paarweise. Diese Funktion, aus Ägypten geerbt, ist die zahlenmäßig häufigste antike Verwendung und geht später in die europäische Grabkunst über.
4. Mittelalter
Das Verschwinden und das Überleben
Das lateinische Mittelalter kennt die Sphinx kaum als eigenständiges Wesen. Sie taucht in den Bestiarien auf, aber randständig, oft verwechselt oder mit anderen Mischwesen vermengt. Isidor von Sevilla erwähnt Sphingen als eine Art Affen (eine Bedeutung, die das griechische Wort tatsächlich auch hatte), was die Verwirrung zeigt.
Wo die Sphinx überlebt, dann meist als Ornament: als Mischwesen in der Bauplastik, an Kapitellen, in Randillustrationen, wo sie mit Greifen, Zentauren und anderen Hybriden das Repertoire des Wunderbaren und Monströsen füllt. Eine eigenständige symbolische Bedeutung hat sie im Hochmittelalter kaum.
Der Ödipus-Stoff ist gleichwohl präsent, über die spätantiken Mythenkompendien (Fulgentius, die Vatikanischen Mythographen), und wird moralisch ausgelegt: Die Sphinx als Bild der Wollust, der Unwissenheit oder der ketzerischen Verwirrung, die der weise Mensch überwindet.
Der Rätselzusammenhang
Interessanter ist, dass das Mittelalter eine eigene, blühende Rätselkultur hat (die Rätsel des Exeter Book, die aenigmata des Aldhelm und Symphosius), in der die Sphinx als Urbild des Rätselstellers präsent bleibt, auch wo sie nicht abgebildet wird. Die Verbindung Sphinx = Rätsel überlebt im Text, während das Bild verblasst.
5. Renaissance und Barock
Die Rückkehr
Mit dem Humanismus kehrt die Sphinx zurück, und zwar in ihrer ganzen Vieldeutigkeit.
Die Hieroglyphen- und Ägyptenbegeisterung der Renaissance macht die Sphinx zum Zeichen der verborgenen Weisheit. Das einflussreiche, rätselhafte Buch Hypnerotomachia Poliphili (Venedig 1499) ist voll ägyptisierender Symbolik. Die Hieroglyphica des Horapollo, im 15. Jahrhundert wiederentdeckt, und die Emblembücher deuten die Sphinx als Sinnbild des Geheimnisses, das nur dem Eingeweihten sich öffnet.
Damit entsteht die für die Neuzeit entscheidende Bedeutung: Die Sphinx als Hüterin des verborgenen Wissens. Sie stellt nicht mehr das tödliche Rätsel des Ödipus, sondern verkörpert das Wissen, das verschlossen bleibt, bis man würdig ist. In der Emblematik steht sie für scientia, für das Geheimnis, für die Notwendigkeit der Deutung.
Emblematik und Devise
Die Sphinx wird zum beliebten Emblem- und Impresenmotiv. Sie bedeutet das Rätselhafte, das zu Enträtselnde, die verborgene Wahrheit, und gelegentlich, in negativer Wendung, die Dunkelheit, die täuscht. Francis Bacon widmet ihr in De sapientia veterum (1609) ein eigenes Kapitel: Die Sphinx sei die Wissenschaft, deren Rätsel grausam sei für den, der sie nicht löse, und die dem, der sie löse, die Herrschaft gebe. Eine der klügsten frühneuzeitlichen Deutungen und für ein Gelehrten-Exlibris fast eine Gebrauchsanweisung (Abschnitt 11).
Die Garten- und Bauskulptur
Barock und Rokoko lieben die Sphinx als Garten- und Architekturplastik. Paarweise flankiert sie Treppen, Tore, Alleen und Terrassen, in Versailles, in den Schlossgärten des Barock, überall. Hier ist sie meist entschärft, dekorativ, oft mit zeitgenössischer Damenfrisur und Busen, die "Sphinx à la française". Die Wächterfunktion ist noch da, aber galant überformt.
6. Moderne
Napoleon und die Ägyptomanie
Die napoleonische Ägyptenexpedition (1798-1801) und die daraus hervorgehende Description de l'Égypte lösen eine Welle der Ägyptenbegeisterung aus. Die Sphinx wird zum Leitbild dieser Mode. Die Entzifferung der Hieroglyphen durch Champollion (1822) macht Ägypten lesbar, aber die Sphinx bleibt das Zeichen des noch Ungelösten. Sphingen schmücken Kamine, Uhren, Möbel, Grabmäler und Parktore des ganzen 19. Jahrhunderts.
Der Symbolismus, die Femme fatale
Hier erlebt die Sphinx ihre intensivste moderne Aufladung, und sie ist weiblich, gefährlich und erotisch.
Der Symbolismus des späten 19. Jahrhunderts macht die Sphinx zum Inbegriff der Femme fatale, der rätselhaften, verschlingenden, unergründlichen Frau. Gustave Moreau malt Ödipus und die Sphinx (1864), in dem die Sphinx sich an den Helden klammert, in einem Bild von erotischer Spannung und tödlicher Bedrohung zugleich. Franz von Stuck, Die Sphinx und Der Kuss der Sphinx (1895), zeigt die Sphinx als Frau, die den Mann im tödlichen Kuss umschlingt. Fernand Khnopff, Die Liebkosung (1896), zeigt eine Leopardin-Sphinx, die sich zärtlich und bedrohlich an einen Jüngling schmiegt. Odilon Redon zeichnet sie als Traumwesen.
Diese symbolistische Sphinx, Rätsel und Verführung und Tod in einer Gestalt, ist das prägende moderne Bild. Oscar Wilde gibt ihr in seinem Gedicht The Sphinx (1894) die dekadente, sinnliche Sprache dazu.
Freud und das 20. Jahrhundert
Sigmund Freud rückt über den Ödipuskomplex den Mythos ins Zentrum der Psychoanalyse, und damit auch die Sphinx als Wächterin am Eingang der Selbsterkenntnis. Das Rätsel der Sphinx wird zum Bild der Frage, die der Mensch an sich selbst richten muss. Freud besaß eine Sammlung von Antiken, darunter Sphingen, und die Sphinx wird zum Emblem der Psychoanalyse als Enträtselung des Verborgenen.
Im 20. Jahrhundert bleibt die Sphinx das Zeichen des Rätsels schlechthin: in der Kunst (die metaphysischen Plätze de Chiricos, die Surrealisten), in der Literatur, in der Populärkultur. Sie wird zum Namen für alles Rätselhafte, vom Schmetterling bis zum Codebegriff.
Die reale Sphinx als Denkmal
Parallel wird die Große Sphinx von Giza selbst zum weltweiten Ikon, zum meistbesuchten und meistfotografierten Rätselbild der Erde, umrankt von pseudowissenschaftlichen Theorien über ihr Alter, verborgene Kammern und geheime Botschaften (Abschnitt 14). Die Sphinx ist damit zweimal Rätsel: als mythisches Wesen und als reales Monument, dessen Fragen (wer baute sie, wann, warum, was ist mit ihrer Nase geschehen) bis heute diskutiert werden.
7. Der Kernvergleich: Ägypten und Griechenland
Weil die Verwechslung der beiden Sphingen das Grundproblem des Motivs ist, hier die Gegenüberstellung im Zusammenhang.
| Merkmal | Ägyptische Sphinx | Griechische Sphinx |
|---|---|---|
| Geschlecht | männlich (meist König) | weiblich |
| Flügel | keine | ja |
| Charakter | wohlwollend, wächterhaft | mörderisch, bedrohlich |
| Funktion | Schutz, Königsbild, Sonne | Rätsel, Prüfung, Tod |
| Verhältnis zum Menschen | beschützt ihn | tötet ihn |
| stellt Rätsel? | nein, sie schweigt | ja, das tödliche Rätsel |
| Ausgang der Geschichte | ewiges Dasitzen | Sturz und Tod |
| moderne Nachwirkung | das Geheimnis, das Schweigen | das Rätsel, die Femme fatale |
Zwei Ergänzungen. Die moderne Sphinx verschmilzt beide: Sie hat oft das weibliche Gesicht und den Rätselcharakter der griechischen, aber das schweigende, monumentale, geheimnisvolle Wesen der ägyptischen. Und die Flügelfrage ist das schnellste Bestimmungsmerkmal: Eine ungeflügelte Sphinx zitiert Ägypten, eine geflügelte Griechenland.
8. Bedeutungen und verwandte Wesen
Grundbedeutungen
Wächter und Schwellenhüter (ägyptisch). Königs- und Sonnenmacht (ägyptisch). Das tödliche Rätsel und die Prüfung (griechisch). Die Selbsterkenntnis, die Frage nach dem Menschen (Ödipus, Freud). Das verborgene Wissen, die Weisheit der Eingeweihten (Renaissance-Esoterik). Die Femme fatale, die verschlingende Frau (Symbolismus). Und, durchgehend modern, das Geheimnis, das Unergründliche, das Schweigen.
Verwandte, die keine Sphingen sind
Die Abgrenzung ist wichtig, weil die Mischwesen sich ähneln.
Der Greif hat Adlerkopf und keinen Menschenkopf; er ist Tier plus Tier, nicht Mensch plus Tier. Der Lamassu oder Schedu, der assyrische Torwächter, hat Menschenkopf, Stier- oder Löwenleib und Flügel und ist der Sphinx typologisch am nächsten, aber eigenständig und meist fünfbeinig dargestellt. Der Kentaur hat Menschenoberkörper auf Pferdeleib, die umgekehrte Bauweise. Die Harpyie und die Sirene sind Frau plus Vogel. Die Manticore hat Menschenkopf, Löwenleib und Skorpionschwanz und ist eine bösartige Sonderbildung.
Der nächste echte Verwandte außerhalb des Mittelmeerraums ist die Purushamriga der indischen Tempelkunst, eine Menschenlöwin, die an südindischen Tempeln als Wächterin sitzt. Und die Naravirala oder Menschenkatze. Diese ostasiatischen und indischen Sphingen sind eigenständige Bildungen, teils über hellenistische Vermittlung, teils unabhängig.
9. Religiöse Verwendung
Ägypten
Die Sphinx ist Kultbild. Die Große Sphinx wird als Harmachis verehrt, als Erscheinung des Sonnengottes; ihr wird geopfert, an sie richten sich Gebete und Stelen. Die Widder- und Falkensphingen sind den Göttern Amun und Horus zugeordnet. Die Sphinx bewacht die Tempelwege (die Sphinxalleen) und die heiligen Bezirke. Sie ist eines der wenigen Mischwesen dieser Motivreihe, das selbst Gegenstand der Verehrung war, nicht nur Attribut.
Griechenland
Keine kultische Verehrung der bösen Sphinx; sie ist Mythenfigur und Ungeheuer. Aber die Grabsphinx hat eine quasi-religiöse Schutzfunktion als Wächterin der Toten, und in dieser Rolle ist sie im griechischen Totenkult fest verankert.
Christentum
Kein positiver religiöser Ort. Wo die Sphinx erscheint, ist sie moralisiertes Ungeheuer (Wollust, Unwissenheit, Häresie) oder bloßes Ornament. Die Renaissance-Esoterik gibt ihr dann eine para-religiöse Bedeutung als Hüterin verborgener göttlicher Wahrheit, aber außerhalb der kirchlichen Lehre.
Freimaurerei und Esoterik
Hier hat die Sphinx einen festen Platz. Als Wächterin der Schwelle und des Geheimnisses ist sie ein verbreitetes Symbol in der freimaurerischen und in der esoterischen Bildsprache des 18. und 19. Jahrhunderts. Sie flankiert Tempeleingänge, erscheint auf Ritualgerät und in der theosophischen Ikonografie als Zeichen der zu bewahrenden und zu erringenden Erkenntnis. Für ein Exlibris esoterischen Zuschnitts ist das die einschlägige Traditionslinie.
10. Verwendung in Kunst
| Werk | Datierung | Bemerkung |
|---|---|---|
| Große Sphinx von Giza | um 2500 v. Chr. | älteste und größte Monumentalsphinx |
| Sphinxallee von Karnak | Neues Reich | Widdersphingen als Prozessionswächter |
| phönizische Elfenbein-Sphingen | 9./8. Jh. v. Chr. | die geflügelte Sphinx wandert nach Westen |
| Sphinx der Naxier, Delphi | um 560 v. Chr. | Hauptwerk archaischer Plastik |
| attische Grabstelen mit Sphingen | 6./5. Jh. v. Chr. | Grabwächterin |
| Ödipus-und-Sphinx-Vasen | 5. Jh. v. Chr. | der Mythos im Bild |
| ägyptisierende Sphingen in Rom | 1. Jh. v. Chr. ff. | Zeichen Ägyptens |
| barocke Gartensphingen | 17./18. Jh. | die galante "Sphinx à la française" |
| Ingres, Ödipus und die Sphinx | 1808 | klassizistische Fassung des Mythos |
| Moreau, Ödipus und die Sphinx | 1864 | erotische Spannung, Symbolismus |
| Stuck, Der Kuss der Sphinx | 1895 | die tödliche Umarmung |
| Khnopff, Die Liebkosung | 1896 | die Femme fatale als Leopardin-Sphinx |
| de Chirico, metaphysische Plätze | 1910er ff. | die Sphinx als Rätsel des Raums |
Zur Technik
Die Sphinx ist im Kleinformat mittelschwer. Ihre Silhouette, liegender Löwenleib mit aufgerichtetem Menschenkopf, ist markant und trägt gut, aber das entscheidende Detail, das Gesicht, ist genau das, was bei starker Verkleinerung zuerst verlorengeht. Ein Sphinxgesicht auf wenige Millimeter zu bringen, ohne dass es zur Fratze wird, ist die eigentliche Schwierigkeit.
Zwei Lösungen. Erstens die strenge Profilansicht nach ägyptischem Vorbild, bei der der Kopf im klaren Umriss erscheint und das Gesicht nicht ausmodelliert werden muss. Zweitens die frontale, ruhige Ansicht der ägyptischen Sphinx, bei der die Symmetrie das Gesicht trägt. Die bewegte, geflügelte griechische Sphinx ist im Kleinformat anspruchsvoller, weil Flügel, Körper und Gesicht zugleich lesbar bleiben müssen.
Für den Kupferstich und die Radierung ist die Sphinx dankbar, weil sich Löwenfell, Federn (bei der griechischen) und das glatte Gesicht texturell gegeneinandersetzen lassen. Die ägyptische Sphinx mit ihren klaren Flächen eignet sich zudem hervorragend für den Holzschnitt und den Linolschnitt, wo die reduzierte, monumentale Form zu ihrer Strenge passt.
Vor dem Entwurf ist die Grundentscheidung zu treffen: ägyptisch (männlich, ungeflügelt, ruhig, wächterhaft) oder griechisch (weiblich, geflügelt, bewegt, rätselstellend) oder die moderne Verschmelzung. Eine unentschiedene Mischung wirkt beliebig.
11. Verwendung in Literatur
Antike
Hesiod, Theogonie, mit der Abstammung der Sphinx. Die thebanische Sagentradition. Sophokles, König Ödipus (um 429 v. Chr.), die klassische Gestaltung, in der die Sphinx allerdings schon besiegt ist, wenn das Stück beginnt, und als vergangene Prüfung präsent bleibt. Aischylos hatte eine (verlorene) Sphinx als Satyrspiel. Euripides' Phönissen erzählen den Stoff aus. Die spätantiken Mythographen (Apollodor, Hygin) fassen ihn zusammen.
Mittelalter und frühe Neuzeit
Die Ödipus-Rezeption über Statius' Thebais und die mittelalterlichen Theben-Romane. Francis Bacon, De sapientia veterum (1609), mit der Deutung der Sphinx als Wissenschaft. Die Emblembücher.
19. und 20. Jahrhundert
Heinrich Heine stellt im Vorwort zum Buch der Lieder (bzw. im Gedicht) die Sphinx als Bild der Liebe dar, die zugleich beglückt und zerreißt, eine der schönsten deutschen Sphinxstellen. Oscar Wilde, The Sphinx (1894), das dekadente Hauptgedicht. Rainer Maria Rilke widmet der Sphinx in den Neuen Gedichten das Stück Die Flamingos nicht, wohl aber begegnet die Sphinx in seiner ägyptischen Reiselyrik. Ralph Waldo Emerson, The Sphinx (1841), macht sie zum Rätsel der Natur und des Geistes. Und die moderne Lyrik und Prosa von Yeats (The Second Coming, mit dem sphinxhaften Wesen in der Wüste) bis zu Borges, der der Sphinx im Buch der imaginären Wesen einen Artikel widmet.
Dazu die ganze Kriminal- und Rätselliteratur, in der "Sphinx" zum Namen für den undurchdringlichen Fall, die schweigende Zeugin, das ungelöste Geheimnis wird.
12. Verwendung auf Exlibris
Warum die Sphinx ins Bucheignerzeichen gehört
Die Sphinx hat eine Bindung an das Buch, die keines der anderen Wächterwesen dieser Reihe in dieser Form besitzt: Sie bewacht nicht einen Schatz, sondern ein Wissen. Der Greif hütet Gold, der Drache einen Hort, die Katze das Papier vor Mäusen. Die Sphinx hütet die Antwort auf eine Frage. Sie ist die Wächterin der Schwelle, hinter der die Erkenntnis liegt, und sie gibt sie nur dem preis, der das Rätsel löst.
Das ist für ein Bucheignerzeichen eine außergewöhnlich genaue Metapher. Ein Buch ist ein verschlossenes Wissen, das sich nur dem öffnet, der es zu lesen und zu deuten versteht. Die Sphinx auf dem Exlibris sagt: Hier ist Wissen bewahrt, und es fordert dich. Nicht "das gehört mir" wie beim Wappen, nicht "das ist bewacht" wie beim Greif, sondern "das will erschlossen sein".
Für Gelehrte, Rätselfreunde, Sammler des Schwierigen und Verschlüsselten, für Ägyptologen, Altphilologen, Psychoanalytiker und für alle, die das Buch als Prüfung und nicht als Besitz verstehen, ist die Sphinx damit ein Motiv von seltener Passgenauigkeit.
Die rätselstellende Sphinx, der Gelehrtentyp
Der Kerntyp. Die geflügelte griechische Sphinx, sitzend, den Betrachter ansehend, gern mit einem Schriftband, das eine Frage trägt oder das Rätsel andeutet. Die Aussage: Wer hier eintritt, wird geprüft. Francis Bacons Deutung der Sphinx als Wissenschaft, deren Rätsel den, der es löst, zum Herrscher macht, ist die theoretische Grundlage und lässt sich fast als Programm auf ein Gelehrten-Exlibris setzen.
Eine besonders schöne Variante spielt mit dem Ödipus-Rätsel selbst: die drei Lebensalter (vier Beine, zwei Beine, drei Beine) als verstecktes Bildprogramm, die Sphinx als Hüterin der Frage nach dem Menschen. Für einen Anthropologen, Mediziner oder Philosophen ein Motiv mit Tiefe.
Die ägyptische Wächtersphinx
Für Ägyptologen, Sammler orientalischer und altertumswissenschaftlicher Literatur, und für alle, die die ruhige, schweigende, wächterhafte Bedeutung der Katze oder des Greifs suchen, aber würdevoller. Die ungeflügelte, frontale oder im strengen Profil gegebene ägyptische Sphinx, die vor dem Bücherregal oder dem Namen des Eigners liegt wie vor einem Tempel. Sie bewacht, ohne zu drohen, und schweigt, statt zu fragen. Die passende Devise steht in der Tradition des šsp ꜥnḫ, des lebenden Bildes.
Diese Sphinx bildet einen bewussten Gegenpol zur rätselstellenden: nicht die Prüfung, sondern die stille Bewahrung.
Die Sphinx als Zeichen des Geheimnisses
Die moderne, verschmolzene Sphinx als Bild des Unergründlichen. Für Sammler des Phantastischen, des Symbolistischen, der Rätsel- und Kriminalliteratur, für Eigner, die etwas Verschlossenes, nicht leicht Preisgegebenes über sich aussagen wollen. Hier darf die Sphinx geheimnisvoll, halb im Dunkel, schweigend sein. Devise etwa in Richtung des Schweigens und des Verborgenen.
Die esoterische Sphinx
Für Sammler von Occulta, für Freimaurer und Theosophen ist die Sphinx als Hüterin der Schwelle und des verborgenen Wissens die einschlägige Gestalt. Oft mit den vier Elementen oder den vier Wesen des Tetramorph verbunden (Löwe, Stier, Adler, Mensch, die sich in der Sphinx teilweise wiederfinden), oder mit den Symbolen der zu erringenden Erkenntnis. Ein Motiv mit fester Tradition in der esoterischen Buchgrafik des 19. und frühen 20. Jahrhunderts.
Die symbolistische Sphinx, mit Bedacht
Die Femme-fatale-Sphinx des Fin de Siècle ist grafisch von großer Kraft und für Sammler der Dekadenz-, Symbolismus- und erotischen Literatur stimmig. Sie ist zugleich die am stärksten zeitgebundene Variante, und ihre Verschmelzung von Erotik und Tod sollte bewusst gewählt sein. Für das richtige Blatt, in der Nachfolge Stucks und Khnopffs, ist sie großartig; als allgemeines Bibliothekszeichen ist sie zu speziell.
Redendes Motiv
Die Namensbasis ist schmal, aber vorhanden. Direkt: Sphinx, Sfinks, und die seltenen Familiennamen, die darauf zurückgehen. Häufiger sind thematische Bezüge: Träger der Namen Ödipus (selten als Name), Theben-Bezüge, und vor allem die vielen Ägypten- und Antikebezüge, bei denen die Sphinx nicht den Namen, sondern das Sammelgebiet oder den Beruf des Eigners aufruft.
Praktisch bedeutsamer als der Name ist bei der Sphinx das Fachgebiet: Sie ist das naheliegende redende Zeichen für einen Ägyptologen, einen Klassischen Archäologen, einen Gräzisten, einen Ödipus- oder Mythenforscher, einen Psychoanalytiker.
Handwerkliches
Vor dem ersten Strich die Grundentscheidung treffen: ägyptisch, griechisch oder modern-verschmolzen. Die drei verlangen verschiedene Anatomie (Flügel oder nicht), verschiedenes Geschlecht, verschiedene Haltung und verschiedenen Ausdruck.
Das Gesicht ist das kritische Detail im Kleinformat. Für kleine Blätter die strenge Profilansicht oder die ruhige Frontale wählen, bei denen das Gesicht im klaren Umriss trägt und nicht ausmodelliert werden muss. Die bewegte griechische Sphinx braucht mehr Raum.
Die Flügel sind das schnellste Bestimmungsmerkmal und eine Aussage: geflügelt heißt griechisch und rätselstellend, ungeflügelt heißt ägyptisch und wächterhaft. Nicht versehentlich mischen.
Für die ägyptische Sphinx die Strenge und Monumentalität der Vorbilder respektieren; sie verträgt Holzschnitt und Linolschnitt gut. Für die griechische und symbolistische Sphinx die feinere Technik (Kupferstich, Radierung, Kaltnadel), die das Fell, die Federn und das Gesicht gegeneinandersetzt.
Verwechslungsgefahr besteht mit dem Greif (Adlerkopf statt Menschenkopf), dem Lamassu (fünfbeinig, Stierleib, assyrisch), der Harpyie und Sirene (Vogelleib) und, bei flüchtiger Ausführung, mit einer bloß geflügelten Löwin. Der Menschenkopf ist das definierende Merkmal und muss eindeutig sein.
Devisen
Für die verschiedenen Typen:
Nosce te ipsum — erkenne dich selbst; der delphische Spruch, der genau die Frage der Sphinx an Ödipus trifft, der Mensch als Lösung des Rätsels. Für den Gelehrtentyp die dichteste Devise, die es gibt.
Solve aut morere — löse oder stirb; die Drohung der thebanischen Sphinx, für ein selbstbewusstes oder ironisches Rätselblatt.
Quod tegitur, maius creditur — was verborgen ist, gilt für größer; für die Sphinx des Geheimnisses.
Scientia sphinx — nach Bacon, die Wissenschaft als Sphinx; für das Gelehrten-Exlibris.
Custos arcani — Hüterin des Geheimnisses; für die Wächtersphinx.
Tacens custodio — schweigend bewache ich; für die ägyptische Sphinx.
Als Neubildungen zu kennzeichnen: Aenigma servo (ich bewahre das Rätsel), Qui legit solvat (wer liest, möge lösen).
Wo man suchen kann
Die bekannten Adressen: Museum Schloss Burgk an der Saale mit über 200.000 Blättern (Stand Juni 2025), Grundstock die 1981 übereignete Sammlung Heinicke; Bestände mit Zettelkatalogen nach Künstlern, Eignern und Motiven; das Internationale Exlibriszentrum Sint-Niklaas, das Kunstmuseum Frederikshavn, das Klingspor-Museum Offenbach, das Gutenberg-Museum Mainz, die ÖNB Wien, E-Pics "Ex meis libris" der ETH-Bibliothek Zürich, und für die künstlerbezogene Suche die DEG-Werklisten.
Zwei Hinweise für dieses Motiv. Bei der Motivsuche lohnt es, getrennt nach "Sphinx", "Ödipus" und "Ägypten" zu suchen, weil die Katalogisierung schwankt. Und die symbolistische Sphinx findet sich gehäuft in den Beständen des Jugendstils und der Fin-de-Siècle-Grafik; die einschlägigen Sammlungen zu Stuck, Khnopff und dem Symbolismus sind ergiebiger als die allgemeinen Motivkataloge.
13. Bekannte Künstler
Exlibris und Buchgrafik
Bei der Sphinx führen die Symbolisten und die Jugendstilkünstler.
Franz von Stuck (1863-1928) ist die zentrale Referenz für die symbolistische Sphinx, auch wenn sein Schwerpunkt nicht das Exlibris war; seine Sphinx-Bilder stehen hinter der ganzen Motivtradition der Zeit. Fernand Khnopff für die belgische Symbolisten-Sphinx.
Alfred Cossmann für die allegorische und ägyptisierende Sphinx im Kupferstich, bei diesem Motiv besonders geeignet. Michel Fingesten für die Sphinx im erotisch-symbolistischen Register. Marcus Behmer für die feine, an Beardsley und die Antike geschulte Linie. Josef Sattler und Heinrich Vogeler.
Für die ägyptisierende Sphinx die Künstler der Ägyptomanie-Welle und die auf antike und orientalische Motive spezialisierten Buchgrafiker; Emil Orlik mit seinem Interesse am Orientalischen.
Für die strenge, klassizistische Sphinx die Nachfolger der französischen und deutschen Klassizisten in der Buchkunst.
Für die Nachkriegszeit Mark Severin und Gerard Gaudaen in Belgien und die osteuropäische Kleingrafik, in der mythologische Motive häufig sind.
Die Liste ist indikativ; die tatsächlichen Vorkommen sind über die DEG-Werklisten und Motivkataloge im Einzelfall zu prüfen.
Freie Kunst
Die anonymen Meister der Großen Sphinx und der ägyptischen Sphingen. Die archaischen griechischen Bildhauer (Sphinx der Naxier). Die Vasenmaler des Ödipus-Stoffs. Jean-Auguste-Dominique Ingres und Gustave Moreau für den klassizistischen und symbolistischen Ödipus. Franz von Stuck, Fernand Khnopff, Odilon Redon für die symbolistische Sphinx. Giorgio de Chirico für die metaphysische. Und die Bildhauer der barocken Gartensphingen.
14. Interessante Anekdoten
Das lebende Bild, das zur Würgerin wurde. Der Name Sphinx stammt wahrscheinlich vom ägyptischen šsp ꜥnḫ, "lebendes Bild", der Bezeichnung für die Königsstatuen. Die Griechen hörten das fremde Wort, formten daraus Sphinx und deuteten es über ihr eigenes Verb sphíngein, "würgen", zur mörderischen Würgerin von Theben um. Aus einem ägyptischen "lebenden Bild" wurde durch eine griechische Volksetymologie ein griechisches Ungeheuer, eine der schönsten Wortverwandlungen der Symbolgeschichte.
Die Nase. Die fehlende Nase der Großen Sphinx hat unzählige Legenden erzeugt, am hartnäckigsten die, Napoleons Soldaten hätten sie abgeschossen. Das ist falsch: Zeichnungen aus der Zeit vor Napoleon zeigen die Sphinx bereits ohne Nase. Der arabische Historiker al-Maqrizi berichtet, ein Sufi habe die Nase im 14. Jahrhundert zerstört, weil Bauern der Sphinx opferten. Ob das stimmt, ist unsicher, aber die Napoleon-Version ist mit Sicherheit ein Mythos.
Das Rätsel, das gar nicht so alt ist. Das berühmte Rätsel von den vier, zwei und drei Beinen ist in den ältesten Fassungen des Ödipus-Mythos gar nicht überliefert. Die frühen Quellen wissen, dass die Sphinx ein Rätsel stellte, nennen es aber nicht. Die bekannte Formulierung taucht erst später auf, in hellenistischer Zeit. Das Rätsel, das wir für den Kern des Mythos halten, ist eine spätere Ausgestaltung.
Bacons Sphinx als Wissenschaft. Francis Bacon deutete 1609 die Sphinx als die Wissenschaft selbst: Ihre Rätsel seien scharf und quälend, und wer sie nicht löse, werde von ihnen zerrissen und in Verwirrung gestürzt; wer sie aber löse, gewinne die Herrschaft. Eine Deutung, die vierhundert Jahre vor der modernen Wissenschaftskritik deren Ambivalenz vorwegnimmt: Erkenntnis als Macht und als Gefahr zugleich.
Freuds Sphinx auf dem Schreibtisch. Sigmund Freud, der den Ödipuskomplex zum Fundament seiner Lehre machte, sammelte Antiken und besaß Sphinxdarstellungen. Als ihm zum fünfzigsten Geburtstag eine Medaille überreicht wurde, trug sie die Ödipus-Sphinx-Szene und eine Zeile aus Sophokles, "der das berühmte Rätsel kannte und ein Mächtigster war". Freud soll bei ihrem Anblick blass geworden sein, weil er als Student davon geträumt hatte, seine Büste möge einmal genau diese Inschrift tragen.
Zwei Sphingen, ein Wort, ein Jahrtausend Verwirrung. Dass Ägypter und Griechen zwei völlig verschiedene Wesen mit demselben (griechischen) Namen belegten, hat bis heute Folgen. In Reiseführern, Lexika und Symbolbüchern werden männliche Wächtersphingen und weibliche Rätselsphingen routinemäßig vermengt, ihre Eigenschaften vertauscht, ihre Bedeutungen verschmolzen. Die Verschmelzung ist so vollständig, dass die "moderne Sphinx" heute ein drittes Wesen ist, das keine der beiden antiken je war.
15. Irrtümer
Die ägyptische und die griechische Sphinx sind dasselbe Wesen.
Der Grundirrtum. Die ägyptische ist männlich, ungeflügelt, wohlwollend, ein Wächter und Königsbild; die griechische ist weiblich, geflügelt, mörderisch, eine Rätselstellerin. Sie teilen den Löwenleib und den (griechischen) Namen, sonst nichts. Die eine beschützt, die andere tötet. Wer sie gleichsetzt, versteht keine von beiden.
Napoleons Soldaten schossen der Sphinx die Nase ab. Falsch. Die Nase fehlte schon lange vor Napoleon, wie Zeichnungen aus dem 18. Jahrhundert und früher belegen. Die wahrscheinlichste Erklärung ist eine mutwillige Zerstörung im 14. Jahrhundert. Die Napoleon-Geschichte ist eine der zählebigsten Denkmalslegenden überhaupt.
Die Große Sphinx ist viel älter als die Pyramiden, vielleicht zehntausend Jahre. Eine populäre, aber fachlich nicht gestützte Behauptung. Die sogenannte Wassererosions-These, die aus Verwitterungsspuren auf ein sehr hohes Alter schließt, wird von der Ägyptologie und der Mehrheit der Geologen abgelehnt. Die Sphinx gehört nach dem archäologischen Befund in die 4. Dynastie, um 2500 v. Chr. Die Frühdatierung gehört in denselben Bereich wie die verborgenen Kammern und die Atlantis-Theorien.
Das Rätsel von den vier, zwei und drei Beinen ist der uralte Kern des Mythos. Es ist eine spätere Ausgestaltung. Die frühen Quellen wissen um ein Rätsel, überliefern aber nicht dieses. Die klassische Formulierung ist hellenistisch.
Der Name Sphinx kommt von "würgen". Das ist die griechische Volksetymologie (sphíngein). Der Name stammt wahrscheinlich aus dem Ägyptischen (šsp ꜥnḫ, lebendes Bild). Die Würge-Deutung wurde nachträglich an das Wort angelegt, weil sie zur thebanischen Sphinx passte.
Die Sphinx ist ein Greif oder mit ihm verwandt. Nein. Der Greif hat einen Adlerkopf (Tier plus Tier), die Sphinx einen Menschenkopf (Mensch plus Tier). Das ist ein grundlegender Unterschied in Bauweise und Bedeutung. Der nächste Verwandte der Sphinx ist der assyrische Lamassu, nicht der Greif.
Die Sphinx stellte immer Rätsel. Nur die griechische. Die ägyptische Sphinx stellt keine Rätsel; sie schweigt und bewacht. Die Gleichsetzung von "Sphinx" und "Rätsel" gilt für die griechisch-moderne Linie, nicht für die ägyptische, die zahlenmäßig und zeitlich die ältere und häufigere ist.
Die Sphinx ist weiblich. Nur die griechische und die moderne. Die ägyptische Sphinx ist überwiegend männlich und trägt das Gesicht des Königs. Die weibliche Sphinx ist die griechische Sonderentwicklung, die dann die moderne Vorstellung dominiert hat.
Die Sphinx à la française mit Damenbusen ist eine Verfälschung. Sie ist eine bewusste barocke Stilisierung, keine Unkenntnis. Die galante Gartensphinx des 17. und 18. Jahrhunderts wusste sehr wohl um ihre antiken Vorbilder und formte sie absichtlich zum eleganten Zwitter aus Wächter und Zierfigur um. Man sollte sie als eigenen Typ würdigen, nicht als Fehler.
Es gibt nur eine Sphinx (die von Giza). Ägypten kennt Tausende von Sphingen, ganze Alleen davon, in Menschen-, Widder- und Falkengestalt. Die Große Sphinx ist die größte und berühmteste, aber keineswegs die einzige. Der Typus ist in Ägypten ein Massenmotiv der Tempel- und Grabarchitektur.
Die Sphinx blickt auf die Pyramiden. Sie blickt nach Osten, dem Sonnenaufgang entgegen, nicht auf die Pyramiden, die hinter und neben ihr liegen. Die Ausrichtung ist solar und gehört zur Verehrung als Harmachis, der Sonne im Horizont.
16. Quellen
Übergreifende Darstellungen
Heinz Demisch: Die Sphinx. Geschichte ihrer Darstellung von den Anfängen bis zur Gegenwart, Stuttgart 1977. Das umfassende deutsche Standardwerk zur Bild- und Symbolgeschichte, von Ägypten bis zur Moderne.
Christiane Zivie-Coche: Sphinx. History of a Monument, Ithaca 2002 (frz. Original Sphinx. Le père la terreur), maßgeblich zur ägyptischen Sphinx und zur Großen Sphinx von Giza.
Lowell Edmunds: The Sphinx in the Oedipus Legend, Königstein 1981, zur griechischen Sphinx und zum Mythos.
Jean-Pierre Vernant und die strukturalistische Ödipus-Forschung, zur Bedeutung des Rätsels und der Selbsterkenntnis.
Nachschlagewerke
Reallexikon für Antike und Christentum (RAC), Art. "Sphinx". Lexikon der christlichen Ikonographie (LCI), Art. "Sphinx", "Ödipus". Artikel "Sphinx" und "Oidipous" im Lexicon Iconographicum Mythologiae Classicae (LIMC). Lexikon der Ägyptologie (LÄ), Art. "Sphinx". Chevalier und Gheerbrant, Dictionnaire des symboles. Manfred Lurker: Wörterbuch der Symbolik, Kröner.
Ägypten
Christiane Zivie-Coche (siehe oben). Selim Hassan: The Sphinx. Its History in the Light of Recent Excavations, Kairo 1949. Mark Lehner und die neuere archäologische Literatur zur Datierung und zum Baubefund der Großen Sphinx; zur Widerlegung der Frühdatierung die Auseinandersetzung mit der Schoch-West-These.
Antike und Mythos
Hesiod, Theogonie. Sophokles, König Ödipus. Euripides, Phönissen. Apollodor, Bibliotheke. Hygin, Fabulae. Die einschlägige Ödipus- und Theben-Forschung.
Renaissance bis Moderne
Francis Bacon, De sapientia veterum (1609), Kap. "Sphinx sive scientia". Zur Ägyptomanie die Literatur zur Description de l'Égypte und zur Wirkung der napoleonischen Expedition. Zur symbolistischen Sphinx die Werkkataloge zu Gustave Moreau, Franz von Stuck und Fernand Khnopff sowie die Literatur zur Femme-fatale-Ikonografie des Fin de Siècle. Zu Freud die Literatur zu seiner Antikensammlung und zur Ödipus-Deutung.
Exlibris
Walter von zur Westen: Exlibris (Bucheignerzeichen), Bielefeld und Leipzig 1901, 2. Aufl. 1909. Norbert H. Ott: Exlibris. Zur Geschichte ihrer Motive, ihrer Gestaltungsformen und ihrer Techniken. Gernot Blum: Michel Fingesten. Das Gesamtwerk der Exlibris, 1987. Hans Ankwicz-Kleehoven: Alfred Cossmann und sein Werk, Wien 1924.
Jahrbuch der Deutschen Exlibris-Gesellschaft, fortlaufend, dazu das DEG-Magazin und das PDF-Archiv der Mitteilungen. DEG-Werklisten unter https://exlibris-deg.de/exlibris-werklisten/ und das Verzeichnis öffentlicher Bestände unter https://exlibris-deg.de/weitere-exlibris-archive/. FISAE-Kongressbände. E-Pics "Ex meis libris" der ETH-Bibliothek Zürich. Für heraldische und mythologische Motive Fox-Davies, A Complete Guide to Heraldry, London 1909.
Zur Belastbarkeit: Auflagen, Erscheinungsjahre und Seitenzahlen sollten vor einer Publikation am Original oder im Bibliothekskatalog geprüft werden. Als strittig oder offen gekennzeichnet sind vor allem die Etymologie des Namens, die Datierung der Großen Sphinx (gegen die Frühdatierungs-Thesen), das Alter des klassischen Rätsels und die Überlieferung zur Zerstörung der Nase.
Ex Libris Sphinx
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